Leider hat mir heute das Wetter einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht - nix mit Berlin. Dafür dann hoffentlich nächste Woche. Vielleicht ergibt sich am Wochenende eine kleinere Tour an die Nordsee Richtung Cuxhaven. Wir wollen mal sehen.
Unter eine ganz andere Rechnung kann ich jedenfalls ein nicht minder dicken Strich ziehen: Mein 3.000ter Kilometer auf der Speedmachine.
Heute war es soweit.
Komisch ist, dass ich mich noch ganz gut an das tolle Glücksgefühl des 1.000ten Kilometers erinnern kann. Es war auf der Fahrt nach Coesfeld, irgendwo bei Nienburg an der Weser, ich starrte gebannt auf die Kilometeranzeige. Und als diese dann endlich umgesprungen war, grinste ich stolz in einen dichten Laubwald und ein paar Vögel zwitscherten mir anerkennend entgegen. Der 2.000te ging dann aber irgendwie an mir vorbei. Umso schöner heute, als ich enttäuscht die Berlin-Pläne sausen lassen musste, aber sogleich erfreut sein konnte.
3.000 Kilometer in viereinhalb Monaten - das sind 666 Kilometer pro Monat. Uiui.
19 Juni 2008
In Worten: Dreitausend.
Lars ....
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18 Juni 2008
Weg mit dem braunen Sumpf!
Es war 1936. Die Nazis hatten Deutschland im Würgegriff und nutzten Olympia, um sich bei der Welt einzuschleimen. Damals entstand folgender Gesetzestext:
„Zeigen wir dem staunenden Ausländer einen neuen Beweis für ein aufstrebendes Deutschland, in dem der Kraftfahrer nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch den Radfahrer freie, sichere Bahn findet.“ (Presserklärung des Reichsverkehrsministeriums zur Einführung der allgemeinen Radwegebenutzungspflicht in der RStVO vom 1. Okt. 1934) WIKIPEDIA
Es ist 2008, Nazis gibt es zum Glück nur noch wenige (und die haben keine Macht, Ätsch!) und wir müssen uns nicht in der Welt einschleimen. Die Radwegebenutzungspflicht gibt es immer noch.
Und jeden Morgen das selbe: Wohngebiet Niendorf, schicke Einfamilienhäuser, getrimmte Vorgärten und gediegene Eisentore mit automatischem Öffnungsmechanismus. Deutsche Gemütlichkeit. In Beige gefliesten Küchen wird Buttertoast gegessen, Männer fahren zur Arbeit in ihre Reedereien, Mütter bringen die Kinder zur Schule und die Sonne kitzelt einen leichten Niesreflex hervor.
Gediegen. Hamburg halt.
Mit flotten 28 km/h ziehe ich leise surrend durch die deutsche Gemütlichkeit. Und jedes mal werde ich von einem silbernen Honda überholt. "HH-CG" habe ich bisher gerlernt. Der Honda kommt heran, schließt auf - und hupt.
Dann zieht er davon, bis ich zehn Sekunden später wieder neben ihm stehe, Ampelrot. Er würdigt mich keines Blickes. Natürlich.
Aber jeden Morgen muss er mich anhupen, der Reichsstraßenverkehrsordnung genüge tun - schließlich darf ein Radfahrer nicht die heilige Fahrbahn der Automobile benutzen.
Da habe ich ihn nun also, meinen ganz persönlichen Radweg-Nazi.
Gestern hatte ich ihn dann auch auf dem Heimweg. Und vor lauter Frust gab er schon 250 m hinter mir Signal. Er hupte sich all den Stress seines Jobs vom Leibe, trat extra noch einmal aufs Gas um mich nach besonders knappem Überholen gleich wieder an einer roten Ampel auszubremsen. Ich grinste, wie immer.
Armer Autofahrer, denke ich immer, das kostet alles Lebenszeit, erhöht dein Herzinfakrt-Risiko.
Er biegt ein zur Shell-Tanke. Ich auch. Ich halte neben ihm, lächle ihn freundlich an und frage, warum er jeden Morgen die Niendorfer Anwohner mit einem Hupkonzert belästigt.
Er rastet aus.
"Sie müssen auf den Radweg!" faucht es mir feucht entgegen.
Ich weise ihn freundlich darauf hin, dass die Radwegbenutzungspflicht nur bei zumutbaren Wegen gilt und ich den unseren hier für nicht zumutbar halte.
"Das haben Sie nicht zu entscheiden!" faucht es weiter.
"Das kann ich genauso entscheiden wie Sie, ob Sie überholen oder nicht." lächle ich ihn weiter an.
Es wird immer aggressiver.
"Ich ... ich hole die Polizei und ... und dann erklären die Ihnen das mal!"
Ich muss nun auflachen. Nicht gut - er spuckt nun beim Fauchen.
Verhaspelt sich.
Als ich - grinsend - losfahren und ihn stehen lassen will in seinem silbrigen Feierabend-Honda ruft er mir noch ein verhaspeltes "... und Sie haben die PLFICHT auf der Straße zu fahren ... ähh ... dem Rad- ... Radweg!" hinterher. Tankende schütteln ihren Kopf.
Ich winke ihm zum Abschied und sehe im Rückspiegel, wie er frustriert seinen Schlauch in das Tankloch schiebt.
Warum sind in Deutschland alle Autofahrer sofort in ihrer Männlichkeit gestört, wenn sie ein Rad überholen müssen? Oder frustriert es sie, dass ich keine 1,50 € pro Liter zahle und trotzdem an der Ampel wieder neben ihnen stehe?
Hupt euch meinetwegen taub, ihr Autofahrer, hupt Euch das "auf den Radweg mit Dir!" aus der Seele, schneidet mich, brüllt mich an und beleidigt mich - ich werde weiterhin auf UNSERER Fahrbahn fahren!
Und wegen Euch Radweg-Nazis mache ich mir meine teuren Felgen nicht auf unseren schlechten Radwegen kaputt, fahre nicht Hindernis-Parcours um parkende Autos herum, lasse mir nicht von unsicher fahrenden Kindern ins Vorderrad einbiegen und schlurfe auch nicht mit 8 km/h im Radweg-Stau, weil ganz vorn zwei Muttis nach dem Lidl-Besuch nicht schneller können.
Eine Speedmachine gehört auf die Straße. Und keiner hat gesagt, dass wir alle verpflichtet sind einem Autofahrer möglichst bremsfreie Bahn zu ermöglichen.
Es wird endlich Zeit, dass dieses unsinnige Gesetz wegkommt - oder baut vernünftige, breite und sichere Radwege.
Und immer lächeln, Jungs.
Gefahren: Agentur zurück, 8,47 km in 23 min und 22 km/h Schnitt
Lars ....
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12 Juni 2008
Speedmachine - Kroatien 2:0
Es ist nach dem enttäuschenden Spiel. 20:30 Uhr - die Spieler ziehen ihre Trikots aus.
Frust in Deutschland, Stirnrunzeln ob der Niederlage in Klagenfurt. Ich schiebe die Klagen fort, ziehe mir mein Trikot am und steige auf die Speedmachine.
Abreagieren. Reintreten. In den Verkehr grätschen: Auf zur Airportrunde bei Sturm.
Die Sonne geht prachtvoll unter, versinkt in ihrem eigenen Orange, blendet und taucht den Westen in Blut. Selbiges pumpt heiß durch die Adern, Schweiß rinnt.
Ich fliege durch leer gefegte Siedlungen. Autos mit schlaffen Deutschlandflaggen parken bewegungslos am Straßenrand - ihre Herrchen ertrinken Frust im karierten Fernsehsessel der gepflegten Stube. Neben mir auf den Fahrbahnen fliegen agil die stolzen Flaggen Portugals, Polens und der Türkei vorbei.
Und eine Kroatische. Hupkonzert von drei Jungs. Sie fahren allein - dafür aber stolz, dass es für einen ganzen Korso gereicht hätte.
Sie überholen mich schneidend. Knapp. Routine halt. Fahren brausend und hupend davon.
Ich verliere sie aus den Augen, aber hinter einer Kurve stehen sie an der Ampel. Ich hole sie ein - fahre langsam an ihnen vorbei.
1:0 für die Speedmachine.
Grün. Lostreten. Kurzer Sprint über die Brücke die über die Stadtautobahn und zum Airport führt - sie überholen mich wieder. Weit vorn schert ein Bus schwerfällig aus und begibt sich behäbig in einen engen Kreisverkehr. Alles bremst.
Außer ich. Überhole wieder alle Flaggen. Auch das kroatische Schachbrett am Opel. Und schieße davon.
2:0 Speedmachine - Kroatien.
Hinterm Airport hupt mich einer an und winkt.
Niederländisches Kennzeichen.
Er freut sich - ich mich auch und winke zurück.
Bin ja auch vollkommen orange heute.
Go, Oranje!
Gefahren: 13,84 km in 35 min und stürmischen 23,6 km/h Schnitt.
Lars ....
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10 Juni 2008
Deutsche Bahn sucks!
Ich wollte nach Garmisch. Zugspitze, Hochland. Vier Tage lang am Fuße des mächtigen Massivs zelten, Alpenpässe fahren, schweißnass stundenlang harte Aufstiege hochknüppeln und rasante Serpentinen mit Höchstgeschwindigkeit nehmen.
Ein Hardcore-Weekend.
Zwei Tage Urlaub und ein paar hundert Euro wäre mir der Spaß wert gewesen.
Geplante Anreise mit der Bahn. Und das war der Fehler.
Als Einstimmung aber kurz dieser Witz, den man auf der Website der Bahn lesen kann:
Mit der Bahn reisen Sie umweltfreundlich. Mit dem Fahrrad auch. Was liegt da näher, als beides zu verbinden. Ob Fahrradausflug oder Mobilität am Zielort, die Bahn bietet Radlern viele Möglichkeiten.
Schön, dachte ich, und marschierte guter Dinge ins Reise-Zentrum. Und als ich dann nach nur 40 Minuten Schlangestehen auch an der Reihe war und dem Herrn am PC meinen Wunsch auftrug, entsponn sich folgendes Gespräch, das ich allen Theaterfreunden gern ungekürzt darbiete:
Die Rollen in diesem Schauspiel:
Ich - Kunde, zahlungswillig, am Planen meines Urlaubs.
Er - Dienstleister, der von "Ich" finanziert wird, sollte beim Planen des Urlaubs helfen.
Erster Akt: "Naiv"
Ich "Guten Tag, ich möchte gern mit dem Fahrrad nach Garmisch-Partenkirchen."
Er (schaut und grient blöde): "Was wollen Sie dann bei mir?"
Ich "Ja, schon im Zug ...?!"
Er: "Na, so wird schon mal ein Schuh draus." (dummes Kichern)
Hier, als kleines Intermezzo mit einem weiteren Lese-Witz von www.bahn.de:
Einladen, einsteigen, losfahren und dort aussteigen, wo die Radtour beginnt!
Zweiter Akt: "Hoffnung"
Ich: "Ja, also im Nachtzug am 20. Juni ab Hamburg wäre ideal ..."
Er (gibt die Daten in den Rechner ein): "Oh-oh."
Ich: "Hab schon gehört, dass das nicht so einfach gehen soll bei der Deutschen Bahn."
Er (starrt auf den Monitor): "Ui-ui"
Ich: "Für die Rückfahrt am Montag - da wäre ich auch vollkommen flexibel ..."
Er: "Tse-tse" (jedes mal Schnaufen und Augen verdrehen, dabei stirnrunzelnd auf den Bildschirm schauen und ein DIN-A4-Blatt nach dem anderen aus dem Drucker nehmen, diese kurz anschauen und wegtun)
Und wieder von der bahn.de:
Auch in der Gruppe lässt es sich mit Bahn&Bike gut reisen.
Nahverkehr: Mehr als sechs Fahrräder bitte vorher anmelden!
Dritter Akt: "Aufgabe"
Er: "Also, ich habe hier ein Angebot, passt auch super mit den Zeiten und kostet im Sparpreis mit Ihrer Bahncard nur 138 Euro."
Ich: "Aha. Cool. Und das Fahrrad dann pro Strecke 9 Euro?"
Er (ertappt, tippt noch einmal das Fahrrad ein): "Fahrrad darf nicht mit - ausgebucht."
Ich: "Und eine Woche später?"
Er (tippt): "Sieht gut aus - da wären wir dann bei 88 Euro hin und zurück."
Ich: "Ja, und das Fahrrad?"
Er: "Achso. Sorry. (...) Auch ausgebucht."
Ich:" ... ?!?#*&%"
Er: "Fahren Sie doch nach Dänemark. Ab Hamburg fährt ein Zug der dänischen Staatsbahn - da gibts nie Probleme mit Fahrrädern."
Und für sone Kacke ist nun eine Mittagspause draufgegangen.
Ich werde jetzt zu meinen Eltern nach Berlin fahren. Leider ohne Alpenpässe und Zugspitzen-Panorama, dafür aber auch ohne Bahn-Stress. Und mit der Genugtuung, diesem Unternehmen für solche schlechten Theaterstücke nichts von meinem Geld gegeben zu haben.
Lars ....
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06 Juni 2008
Räder - Rüpel - Sensationen!
Heute ist er gefallen, der Zur-Arbeit-fahr-Rekord. Meine bisherige Bestmarke von 20 min 54 sek ist um eine ganze halbe Minute gepurzelt: Grüner Welle und rüpelhaftem Lückenspringen sei Dank.
20 min 12 sek für die 8,5 km - in sensationellen 25,5 km/h Morgenrushhourdurchschnitt.
Allez allez!
Lars ....
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02 Juni 2008
HH - Insel Fehmarn Tag 1 "Welcome to the Church of Bike"
... aber zu erst war Aufstehen angesagt. Nun hatte ich mir schon mitleidsvoll eine Stunde mehr gegeben als sonst, denn die 3-Uhr-Weckaktion vom letzten Mal hatte mich für meinen Geschmack dann doch etwas zu brutal aus süßen Träumen gerissen. Zu stressig war die Woche gewesen und zu wohlverdient ein langer Schlaf. Nein, um drei ist unmenschlich, das sehe ich nun ein.
Der Wecker klingelte um vier.
Um sechs, pünktlich eine Stunde zu spät, stand sie dann vor mir, die schwer beladene Speedmachine, ready to to go. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, die Temperaturen stiegen spürbar, fast hätte man die Plusgrade laut mitzählen können.
Dieses Mal der ultimative Test für meinen großen Trip nach Portugal: Ich sollte heute in keinem sauberen Bett in einer schnieken Pension schlafen, denn ich führte mein Haus mit. Zelt, Schlafsack & das ganze Pipapo, das man so zum Zelten braucht.
Mein Ziel: Ein Campingplatz am Ostufer der laut Google 150 km entfernten Insel Fehmarn, Sprungbrett nach Dänemark und sonnenreichste Insel unseres schönen Landes.
Auf gings.
Mittlerweile war die Sonne am lupenreinen Blau des Sommerhimmels empor gekraxelt, die Sonnenbrille und entsprechende Milch mit UVA-Filter und Faktor 30 schützten mich. Bei jedem Atemzug sog ich den typischen Geruch dieser Creme ein und - vielleicht machen die das mit Absicht - fühlte mich sofort in Urlaubsstimmung. Das werde ich mir denn dann auch merken für die Wintermonate, wenn es kalt, dunkel und deprimierend ist: Einfach ein bisschen Sonnenmilch auftragen und Standfotos angucken, der Rest kommt ganz autosuggestiv von selbst.
Ich fuhr gegen einen östlichen Wind an (der selbe, der mir schon die Pellworm-Tour teilweise zur Hölle gemacht hat), aber diesmal wehte er von der Seite, was nervte, aber nicht wirklich bremste.
Bad Oldesloe war schnell erreicht, Ahrensbök ebenfalls und nach einigen Bergen und schicken Abfahrten rollte ich in Oldenburg i.H. ein. Hier grummelte mein Magen derart, dass ich mir an der Tanke zwei Mayonnaise-Massaker kaufte (Ei + Thunfisch-Sandwiches) und mich an einen kleinen Fluss zur Pause bettete.
Da erschien er mir - der Heiland. Er hatte sich angeschlichen, stand plötzlich hinter mir. Oder hatte er sich einfach so aus dem Nichts materialisiert?
"Ist ja richtig Quality ..." meinte er.
Ich drehte mich um, einen unzerkauten Thunfisch im Mund. Er stützte sich auf ein altes Fahrrad, hatte einen riesigen Bauch auf dem ein blaues, fleckiges T-Shirt spannte. Seine Haare waren lang wie die Yoko-Onos, allerdings anders als ihre durchzogen von weißen Strähnen. Ein Bart ziehrte sein Gesicht, einer der wilden Sorte.
Er bückte sich und schaute auf mein Kettenblatt: "Aha, mmh, ordentliche Schaltung hatter auch, ich erkenne das!"
Ich nickte.
Adieu, ruhige Pause am Flussufer, urteilte ich vorschnell.
Der Mann hatte einen Fahrrad-Mantel um den Hals.
"Früher, als ich noch 25 Kilo weniger hatte, bin ich jeden Tag 70 km gefahren." sagte er und grinste.
"Ich fahre nach Fehmarn." meinte ich.
Aber das interessierte Jesus nicht. Er hatte meine Lampe entdeckt.
"Ist die mit LEDs?" fragte er.
"Nee, eine Normale, denke ich."
"Meine hier ist mit LED, Standlicht und macht vierzig Lux, der Vogel." schnackte der Heiland in reinstem Norddeutsch weiter.
Es stellte sich heraus, dass der Mann richtig Ahnung von Fahrrädern hatte. Er erzählte von Touren mit 220 km Tagesleistung, von 3-Gang-Schaltungen kurz nach dem Krieg, von seinem Kumpel, "einem ziemlich bekannten, norddeutschen Turner", der sich durch Übermut die Knie zerstört hatte und präsentierte voller Stolz sein Fahrrad, das ich vorhin noch als Schrott bezeichnet hätte.
"Den Rahmen hab ich von ALDI," begann er und schlug auf den Mittelholm, "wollte schauen, wie lange die Scheiße hält, aber nun fahre ich 2 Jahre und der Kahn geht nicht kaputt! Den Lenker hab ich angebaut, ich mag dieses Verstellorgien nicht, ordentliche Griffhörner, patente Bremsen und diesen alten Ledersattel hier, nicht so´n Gel-Quatsch." Dann zog er seinen Computer ab und zeigte ihn mir: 22.000 km stand da.
Ich verneigte mich vor Velo Christus. Und musste dann aber auch los - der Thunfisch schwamm in meinem Magen.
Ich hätte gern noch ein Foto gemacht, aber man darf sich ja kein Bild von seinem Herrn machen. Allseits Gute Fahrt, Heiland der Zweiräder, gesegnet sei dein Schlauch!
Satt war ich. Und gut drauf. Weiter gings in Richtig Neustadt, dann ein Schwenker nach Norden - Puttgarden auf Fehmarn stand nun auch schon auf den Verkehrsschildern. Mal fuhr ich B-Straße, mal kleine verträumte Landstraßen, die sich durch grüne Kornfelder windeten.
Kurz vor Heiligenhafen, die Ostsee schon im Blick, hielt ich kurz an. Eine Trinkflasche war leer und ich wollte die volle aus den Tiefen meines Gepäcks pellen. Ich kniete so in der Sonne, Dampf flimmerte über dem Asphalt und die Ostsee-Brise vermochte kaum für Erfrischung sorgen.
Als es knallte.
Wieder und wieder.
In unmittelbarer Nähe.
Das waren keine Jäger. Was schon gruselig genug gewesen wäre: Das war Maschinengewehrfeuer! Salve um Salve knatterte davon. Kaum 200 m entfernt war da dann wohl ein Schießplatz. Das gruselige an der Sache war, dass auf jede Salve, die unmittelbar neben mir abgegeben wurde, jemand weiter weg, leiser, aber unmissverständlich, antwortete.
Ich füllte schnell um und hoffte, dass ich da in kein Duell oder irgendeine neue und praxisnahe Ausbildungsform der Bundeswehr geraten war.
In Heiligenhafen schoss ich am Kai vorbei, wo die weißen Millionärsboote lagen, erklomm einen kleinen Berg und hatte die Fehmarnsundbrücke im Blick. E-Straße. Kein Radweg. Nur ein Seitenstreifen. Autos, so schnell wie auf der Autobahn. Darf ich hier fahren?
No Chance - über die Brücke gab es nur einen Weg - die Straße. Unverständlich, warum hier nicht für Tagestouristen ein Radweg eingerichtet wurde! Also ordnete ich mich in fließendem Verkehr ein und schoss auf die Brücke zu. Eines ums andere Mal zuckten Autos vorbei. Aber der Streifen war breit und das Speedlimit bei 80. Kein Problem also.
Mitten auf der Brücke erfasste mich ein starker Seitenwind, bremste mich ab. Harte Arbeit folgte.
Dann ein schön bunter Anblick, den man selten hat: Wie an einer Perlenkette aufgereit kamen mir röhrend an die 20 Opel-GTs entgegen - tiefe Sportwagen aus den 70ern, fast wie kleine unausgewachsene Corvettes. Sportwagen-Tennager sozusagen. Wundervolles Fahrtwetter, dachte ich, vor allem im Cabrio. Aber ich hatte es ja auch gut, liegend in meinem fahrenden Fernsehsessel. Allerdings schmerzten langsam die Beine, Zeit, endlich anzukommen.
Fehmarn war bald erreicht, bei Burg von der E-Straße und die letzte Stunde zum Ostufer geradelt. Da war er nun: Mein Zeltplatz, ich sah mich schon am Strand. Freuet mich. Dies unerträgliche Hitze bald abkühlen zu können.
Direkt an einem steil abfallenden Uferteil gelegen, das Rauschen des Meeres stetig im Ohr. Ich suchte eine böschungsgeschützte Stelle und stellte mein Zelt auf. Allenthalben kamen freundliche Leute vorbei, denen ich mich vorstellte. Man grinste sich an, sagte Hallo und war miteinander Freund.
Als mein Haus endlich stand, packte ich mich auf die faule Haut und genoss etwas die Sonne.
Sofort setzte Urlaubsstimmung ein. Ich war angekommen. Es roch nach damals, als ich mit Mutti und Vati an der Ostsee war. Als Urlaub war. Als alles perfekt war. Und nun saß ich da, zwischen Bully-Fahrern, Dauercampern und einer Abi-Klasse im Riesenarmeezelt.
Ich unternahm einen Spaziergang am Meer. Blickte hinaus und freute mich, schaute feucht glitzernde Strandsteine an und wandelte über die Gebeine von Millionen Muscheln. Die Fähren rüber nach Rodby in Dänemark glänzten weiß am Horizont, ebenso wie die Insel Lolland. Der Wind kühlte, es roch salzig nach Seetang. Und verzückt im wilden Wind segelnde Möwen kreischten ihr nordisches Lied.
Perfekt. Perfekt, freute ich mich in mich hinein.
Als ich zurück kam und mich für das Abendessen fertig machen wollte, knatterten dumpf brummend eben jene Sportwagen auf die Zeltwiesedie ich noch vorhin auf der Fehmarnsundbrücke gesehen hatte. Zufälle gibts ... Einer der Opel-Gang erkannte mich sogar und kam zu einem Schnack rüber. Es war der, dessen Lackierung genau der Farbe meiner Speedmachine entsprach: RAL 3011.
Und so schaute ich in der Zeltplatzkneipe dem 2:1 der deutschen Nationalmannschaft zu, kaute auf einem Schnitzel herum und schnackte mit einem schwedischen Camper auf Denglisch, was die EM so bringen wird.
Beim Schlag der Wellen und fernen Beats der feiernden Abiturienten träumte ich mich im Schlafsack meines Zeltes dann in die Nacht ... hinüber ins Morgen, wenn die Rückfahrt anstehen sollte.
Gefahren: 136,7 km in 7 h und 19,3 km/h Schnitt
Den Post des nächsten Tages gibt es im Archiv ->
Lars ....
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HH - Insel Fehmarn Tag 2 "Zeitreise"
Es ist erwiesen, dass beim längeren Ausüben eher monotoner Tätigkeiten, die wenig bewusste Denkkapazität erfordern, das menschliche Bewusstsein abdriftet. Und genau das erlebte ich wieder - auf der Rückfahrt.
Nachdem mich gegen 5 Uhr eine selbige innere und ein heftiges Frösteln weckte (14 Grad Nachttemperatur bei stetigem Meereswind sind dann doch nicht so kuschelig, wie angenommen) döste ich noch, mich wild hin- und herwälzend, als ich es gegen 6 nicht mehr aushielt und aufstand.
Großartig, an diesem schönen Ort vielleicht noch großartiger als sonst, stand sie da oben, die Sonne, und brannte den Reif vom feuchten Gras. Voller Tatendrang - allerdings mit sich widersetzenden Wadenmuskeln - packte ich das Zelt zusammen, wusch mich und sattelte die Maschine. Um 7 rollte ich vom Platz. Winkte den Opel-GTs, die noch schliefen, und hangelte mich durch duftende Kornfelder nach Burg. Dort hatte ein Bäcker schon offen, der mich mit einem herrlich heißen Pott Kaffee und zwei riesigen Schokocroissants verwöhnte.
Und dann ging es los. Ganz frech. Als alter Hase, sozusagen, bog ich auf die fette E-Straße zur Fehmarnsundbrücke ein und trat in die Pedale. Der Wind war heute mein mächtiger Verbündeter - schob er doch dermaßen, dass die maximalbeladene Speedmachine locker ihre 26 - 28 km/h Dauergeschwindigkeit erreichte. Was spitzenmäßig ist.
Über die Fehmarnsundbrücke schoss ich - kaum Verkehr, wo es gestern noch ein Auto am anderen klebend gar nicht erwarten konnte, in den Stau vor dem Fährhafen in Puttgarden zu kommen. Ich blieb auf der E-Straße bis Heiligenhafen, das ich etwa eineinhalb Stunden später erreichte. Ab hier wurde das ganze zur Autobahn - sowas musste jetzt nicht sein.
Im Prinzip folgte ich der gestrigen Route. Ich kannte mich ja nun aus.
Alles war im Flow. Fast wie in Trance schoss ich über den Asphalt. Es rollte. Die Sonne tat ihr übriges, denn unerbittlich glühte sie den Schweiß aus meinem Körper. Mehr als ein mal musste ich anhalten, tiefe Züge kalter Getränke zu mir nehmen.
An einer Tankstelle, ich lutschte gerade ein Magnum, standen etwas weiter ab zwei kleine Jungs so um die 10 Jahre. Sie beäugten das Liegerad, sichtlich fasziniert. Sie trauten sich aber nicht, näher zu kommen.
Und so aß ich auf, legte mich in den Sitz und klinkte einen Fuß ein. Da hörte ich den einen Jungen hinter mir: "Wollen wir hinterher fahren? Vielleicht können wir ihn einholen!"
Der andere, sichtlich echauffiert, wie man so etwas offensichtlich Dummes sagen kann, entgegnete: "Quatsch, LIEGERÄDER KANN MAN GAR NICHT EINHOLEN!"
Ich grinste und fuhr los.
Der Rest war pures Zen. Meditation auf der Straße. Die Psalme das ewige Klackern des Freilaufs, mein Amen jedes Einrasten eines höheren Ganges. Ich schraubte mich durch die Landschaft, genoss es, obwohl es immer schlimmer wurde: Die Hitze war mörderisch. Aber die Zeit schmolz, Landschaft flog vorbei, Minuten türmten sich zu Stunden, Berge kamen und gingen. Ich stand neben mir, sah mir zu, wie sich im Gleichtakt meine Schenkel hebten und senkten, jeder Meter verlangte einen Tropfen Schweiß als Opferwasser.
In Bad Oldesloe gab ich mich einer Literflasche eisgekültem Bonaqa hin, das ich mir kurzerhand über Gesicht und Körper goss. Pures Vergnügen.
Ich erreichte nach fast 7 Stunden Hamburg, war froh, wieder im Schatten sein zu können und über diesen erholsamen, tollen Trip an die Ostsee und fragte mich, wo die Zeit hin ist. (Sie steckte in meinen Waden, was ich aber erst Stunden später beim Einschlafen bemerkte, denn das Pulsieren des heißen Blutes in den Adern sollte mich wach halten.)
Gefahren: 139,27 km in 6 h 47 min und mit für ein schwer beladenes Rad tollen 20,48 km/h Schnitt.
Gesamte Tour: 275,97 km in 2 Etappen
Lars ....
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