13 Juli 2009

Fort im Taunus

Mich tritt ein Pferd. Denke ich, als mich scheppernd eine bellende Stimme weckt, die blechern aus dem Lautsprecher quakt: "Meine Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Bingen." Bingen also, denke ich, öffne meine verklebten Augenlider und schaue raus: Die Loreley sagt mir Guten Morgen. Ich gähne ihr entgegen.

Neben mir fließt Gevatter Rhein, massiv, schnell und dabei so erhaben. Der Zug legt sich ein ums andere mal in die Kurve, links, rechts, sanft ruckelnd, wie ein Flugzeug beim Anflug aufs windige Hamburg.

Dem Verlauf des großen Flusses folgen wir, ich öffne das Fenster meines Abteils und versuche mich zu strecken und mir mit allerlei Verrenkungen die Qual der vergangenen 7 Stunden nächtlicher Zugfahrt aus den Knochen zu vertreiben. Eigentlich eine Frechheit, denke ich, das alles hier "Nachtzug" zu nennen, und dann nicht einmal Sitze mit verstellbaren Rückenlehnen anzubieten. Aber was solls, angesichts der wunderschönen, noch im Morgendunst liegenden Kulisse des Rheins stört mich das jetzt einfach mal nicht mehr. Beschließe ich.

Ich hänge meinen ungewaschenen Kopf aus dem Fenster und lassse mir die Lungenflügel vom Fahrtwind füllen. Herrlich. Allerdings fühle ich mich auch ein bisschen klebrig, ja ekelhaft: Müde, ich möchte eine Dusche. Ein Bett. Ein Bett. Bett. Bitte. Bingen.

Dann schon fliegt die Landeshauptstadt Mainz vorbei, ein paar Minuten darauf rieche ich Kerosin - Frankfurt Flughafen. Vorsicht an der Bahnsteigkante. Wenig später legen wir uns in die letzte Rechtskurve - hinter dem Gewirr von Schienen erkenne ich die Skyline von Mainhattan. Geschafft.

"Zänk you for träwelling wiff Deutsche Bahn." Na denn ...

Zwei rabiate Österreicher zerren im Fahrradabteil dermaßen an ihren und den anderen Rädern, dass im Laufe des umständlichen Aussteigevorgangs jede der Klingeln aller Fahrräder mindestens einmal ertönt - meine Speedmachine hat freilich keine Klingel, kann sich also nicht wehren, deshalb postiere ich mich als teutonischer Velo-Schutzengel zwischen meiner wertvollen Pulverbeschichtung und den Brutalo-Alpenradlern.

Aussteigen - 7 Uhr. Frankfurt liegt noch im Schlaf. Wochenende. Die Straßen sind leer. Und mein Zimmer im Hotel in Hofheim, rund 30 km entfernt, wird mit Sicherheit noch nicht frei sein. Also beschließe ich, zwischen den glänzenden Wolkenkratzern der armen, armen Banken herumzukurven. New York-Feeling inmitten Deutschlands. Und als ich so hoch schaue frage ich mich, warum in aller Welt gerade Frankfurt die Bankenmetrolpole Deutschlands ist. An meinem Konto kann es jedenfalls nicht gelegen haben.

Ich entscheide mich, über Umwege nach Hofheim zu fahren. Zunächst geht es die leeren Schnellstraßen nach Höchst, vorbei an riesigen Industriekulissen, es riecht nach Chemie, Farb- und Lackwerke, lese ich. Aha, denke ich, das hatten wir in Geschichte auch schon einmal ... Höchst. Da klingelt es.

Klingeln tut es auch in meinen Ohren, denn ich komme sehr schnell voran. Schnelle frische Morgenluft knallt mir um den Helm. Hinter Höchst biege ich nach links ab und fahre herunter an den Main. Idyllisch schlängelt sich ein sehr guter Radweg am flachen Ufer entlang. Unmengen Hoppelhasen liegen faul auf den perfekt gemähten Wiesen, lümmeln sich herum. Sammeln wahrscheinlich Kräfte für Ostern. Ich versuche, sie nicht aufzuwecken.

Olli, Speedmaschinist aus Berlin, und ein Freund auf einer Streetmachine sind schon in Frankfurt, gestern angereist, im eigenen Hotel. Aber die beiden störe ich nicht. Nicht jetzt - 8 Uhr. Wir sind erst für später verabredet und so gebe ich Gas, genieße dieses neue, ungewohnte Terrain und bahne mir meinen Weg durch allerlei kleine Dörfer und Städtchen. Wenn ich mich umblicke liegen die Glastürme der Banken im Morgendunst, schaue ich nach vorn, zum Horizont, eheben sich drohend die Wellen des Taunus.
Und mit dem habe ich auch noch eine Rechnung offen, denke ich.

Hofheim erreicht. Ach schön, denke ich, eine Stadt in der Vertikalen - Hofheim zieht sich an einem steilen Abhang hinauf. Und - ich ahne es und behalte Recht - mein Hotel thront natürlich ganz oben auf. Ich und meine Ahnungen! Obwohl, beim Namen "Hotel am Rosenberg" hätte jeder noch so naive Flachlandpedalist darauf können kommen, dass zwischen ihm und einem frisch bezogenen Bett noch einige Höhenmeter liegen könnten.

Lagen sie auch. Hunger und Müdigkeit treiben mich die engen, steilen Gassen auf den Berg, die freundliche Rezeptionistin bucht mich auf ein nicht belegtes, bezugsfertiges Zimmer um und wenig später stehe ich unter einer belebenden, heißen Dusche. Dann lasse ich mir ein Frühstück schmecken und will mir Schlaf bis 10:30 Uhr gönnen.

Um 12 wache ich auf. 8 Stunden "Nachtzug" (wiff Deutsche Bahn) hinterlassen halt ihre Spuren. Es ist noch Zeit bis zum Tag der Offenen Tür beim Liegeradhersteller HP Velotechnik und so fahre ich ein paar Runden am Fuße des Taunus hin und her, ehe ich mich gegen 13 Uhr nach Kriftel bewege.

Natürlich nicht, ohne mich ein paar mal zünftig zu verfahren. Unterwegs begegne ich 2 oder 3 Mal einer Leitra. Das Velomobil kommt mir dann und wann entgegen, ich grinse und grüße und fühle mich gleich gar nicht mehr so dumm, denn der Velomobil-Fahrer scheint auch seine lieben Probleme zu haben, die Elisabethenstraße zu finden.

Was weniger an unserem Unvermögen liegt, Karten zu lesen, sondern daran, dass die Elisabethenstraße in Kriftel Schmelzweg heißt, und erst außerhalb des Ortes ihren Namen ändert - was dann aber nirgendwo dran steht.

Die einer Messerschmitt ähnelnde Leitra und ich rollen wenig später perfekt getimed gemeinsam auf den Hof der Firma, wir werden aufs freundlichste von den HP-Jungs begrüßt und innerhalb von wenigen Minuten gesellen sich immer mehr Liegeradfahrer hinzu.

Eine wilde Fachsimpelei über CW-Werte, Vor- und Nachteile bestimmter Werkstoffe, Schaltungen, Kosten pro Kilometer im Vergleich Velomobile-Liegeräder und Sportwagen entspannt sich und ich merke, dass ich mich da heraus halten muss. Diese Jungs sind Bastler, sind Tüftler, sind Techniker.

Ich konsumiere Liegerad. Ich fahre es, fliege es. Bin Pilot, nicht der Mechaniker.
Lars, ein M5-Fahrer, kommt mit gebrochenem Lenker auf den Hof geschoben. Einen Kilometer musste er sein Rad schieben. HP nimmt es sofort unter die Fittiche und wenig später wird geschweißt. Toller Service!

14 Uhr, offizieller Beginn. Es sind vielleicht 40, 50 Leute da. Daniel Pulvermüller - das "P" in HP - einer der beiden Gründer und Geschäftsführer, eröffnet den Tag in der Werkstatt und schon finden wir uns in einer kleinen Betriebsführung wieder.

Interessant, zu sehen, wie aus einer Bestellung (die irgendwo ein begeisterter, gespannter und brennend motivierter Neu-Liegeradler aufgegeben hat) dann ein fertiges Scorpion, eine rasante Speedmachine oder eine bequeme Streetmachine wird.

Betont lässig, sehr entspannt und angenehm normal sind die Jungs. Keine Spur von "wir sind Marktführer", überall fliegt einem das "Du" um die Ohren, sie lachen viel, machen Scherze und sind Menschen zum Anfassen. Premium-Marke? HP Velotechnik? Na sicher! Angesichts der Preise und Ehrungen, die diese Firma alljährlich einheimst erübrigt sich jeder Zweifel.

Porsche Cayenne-Arroganz? Elitäres Abgrenzen? Start-Up-Getue? Fehlanzeige - ich habe selten so viel Bescheidenheit und Understatement gesehen, fast schon schüchterne Zurückhaltung, die angesichts der Tatsache, dass HP in aller Welt unter Recumbent-Fahrern ein Begriff ist, umso höher zu bewerten ist.

Dies ist Euer Tag der Offenen Tür, HPler, und Ihr interessiert Euch mehr für uns, als die Aufmerksamkeit auf Euch zu ziehen? Ich bin begeistert!

Genauso begeistert bin ich von der Werkstatt - Skelette von Scorpions, Speed- und Streetmachines hängen von der Decke. Halb- und fast fertige Liegeräder spinnenartig auf Montagegestellen befestigt. Regale, bis unter die Decke mit Federgabeln, Hinterradschwingen und allerlei anderer Anbauteile bestückt. Ein Boden, von dem man Essen könnte. Ein Traum für alle Zweiradbegeisterten!

Á propos Essen - Zu frisch Gegrilltem gab es den mit Abstand zweitbesten Kartoffelsalat der Welt. Der Beste kommt natürlich von Mama. Und so staune ich, dass die Jungs von HP nicht nur richtig Klasse Liegeräder kredenzen, sondern auch Symphonien in Kartoffel.

Wir verbringen einen richtig schicken Tag bei HP. Neulinge testen auf dem Parcours die Produkte, es ist schon süß zu sehen, wie sie sich zum ersten Mal, wackelig, dann immer sicherer und nach einigen Minuten fast schon übermütig, bewegen. Mehr als ein mal muss ich den auf zwei Rädern heran brausenden Scorpions ausweichen, auch die Test-Speedmachine erfreut sich großen Interesses.

Daniel und Thomas schauen sich besonders intensiv meinen Tiller-Lenker an. Die Machinegun-Konfiguration á la Liegeradstudio Hamburg fasziniert ihn. Wenn die in Serie geht, muss ich allerdings Tantiemen-Rechte anmelden ...

Ich halte meine Vorträge, wechsle mich dabei ab mit wirklich faszinierenden Vorträgen vom Christoph, der mit seiner Streetmachine die ganze Welt bereist. Beim Beamer treffe ich viele sympathische Menschen - eine Familie aus Belgien, ein Pärchen, das sich als Speedmachine-Adventures-Fans outet (Vielen Dank noch einmal!:-) und von ganz jung bis rüstig eine bunte Mischung interessierter und interessanter Menschen.

Und dann ist es auch schon 18 Uhr. Beim Tag der offenen Tür werden die selbigen geschlossenen. Ich verabschiede mich von Daniel, von der netten HP-Azubine (viel Spaß Dir!), vom lustigen Cornelius, vom genialen Thomas und all den anderen HPlern - herzlich, lustig, interessant. So muss das sein!

Mit Klaus, dem Streetmaschinisten, und Olli geht es noch auf eine kleine Abendtour ins in der Dämmerung versinkende Frankfurt. Wir fahren entlang des Mains, herrliche Radwege führen uns durch Parks, vorbei an Schrebergärten, durch Wiesen und Felder und auch mal über die eine oder andere Autobahn.

Irgendwann halten wir auf einer Mainbrücke und genießen die Aussicht. Es ist einfach herrlich hier - und ich beginne, meine zugegeben ziemlich eingebildeten Vorurteile über Frankfurt zu revidieren. Zumindest die nähere Umgebung ist eine Reise wert - und die Wolkenkratzerkulisse trägt das Ihre zu dieser ganz eigenen Atmosphäre bei.

Als wir uns trennen wollen - mittlerweile ist es 20 Uhr und ich muss noch 30 km zurück nach Hofheim - entdecken wir einen Sportplatz mit einer verlockenden Kunststoffbahn, die wie Tartan aussieht. 4 Mädchen spielen Roller-Wettrennen. Und wir drei Jungs gesellen uns dazu.

Ich trete als erster rein, Olli macht Fotos. Zwar bremst der Belag ungemein, aber ich genieße es, so schnell wie möglich um das Oval zu fliegen, mal habe ich Angst, dass es mich nach außen trägt, mal wieder muss ich allzu starkes Gegesteuern korrigieren. Kurvenfahren anspruchsvoll.

Ich stelle mir vor, wenn dieser Bolzplatz ein Stadion wäre, wenn diese Nacht Olympia wäre, wenn die 4 Gören zwanzigtausend Zuschauer wären und wenn Olli, der da gerade an der Ziellinie umständlich mit den Ohren am Boden herumschabt, um eine möglichst dramatische Fotoperspektive zu erwischen, wenn dieser Olli die angereiste Presse-Elite des Sportjournalismus wäre. Ein tolles Gefühl, eine schöne Vorstellung.

Aber dann stelle ich mir auch vor, wie ich gleich bei der Dopingkontrolle vor den wachsamen Augen von 4 Altherren pieseln müsste. Und schon freue ich mich wieder, dass jetzt gerade nicht Olympia, sondern ein ganz normaler, aber ganz toller Samstagabend ist.

Wir verabschieden uns und ich mache mich auf den Weg heim in mein Hotel. Hoch auf dem Berg.

Einige Umwege und knapp 1,5 Stunden später erreiche ich es dann auch, pünktlich, denn als ich ins Foyer trete, knipst die Sonne ihr Licht aus.

Vorher habe ich mich natürlich zünftig an der Shell-Tanke mit allerlei (wie ich denke) gesundem Essen eingedeckt. Denn das Restaurant wird bestimmt nicht mehr aufhaben - und großartig Lust, noch (den Berg hinabzusteigen um dann) in der Stadt essen zu gehen, habe ich auch nicht (denn dann müsste ich mit vollem Bauch den Rosenberg wieder erklimmen).

Nein, mir schwebt da eher vor, mich genüsslich vor den Fernseher zu legen, die Tour de France-Zusammenfassung zu schauen und nebenbei meine Körpersalze wieder aufzufüllen.

Was ich auch tue.
Und kurz vor elf einschlafe.

Nicht viel später, so fühlt es sich jedenfalls an, wache ich auf, ein bedeckter Tag graut vor meinem Fenster herum. Wolken hängen tief, triefen vor Nässe aber regnen sie nicht heraus. Sie warten, denke ich, warten, bis ich in meinem Liegerad liege und versuche, die Straßen unter ihnen zu befliegen.

Und genauso ist dem dann auch. Ich verabrede mich mit den Berlinern zu einer rasanten Abfahrt vom lokalen Bergriesen - dem Feldberg. Immerhin knapp 900 Meter hoch und in der näheren Umgebung das höchste hier, verspricht er Steigungen von 10 bis 14 %, jede Menge Schweiß und Muskelarbeit - und mir eine Menge Spaß. Hoffe ich.

Dass die beiden Berliner den Fahrradbus zur Spitze nehmen wollen verzeihe ich ihnen, denn bereits nach 10 Kilometern und gefühlten 40 % Steigung regnet es sich ein. Kein fieser, niederprasselnder Regen, eher die Sorte "tut ganz nett, ist aber auch nass".

Ich überhole am Berg einen Trekking-Biker, mit dem ich mich zunächst eine Weile unterhalte, denke, das passt ja - nett schnacken und dabei zusammen fahren. Aber seine 8 km/h sind mir dann doch zu langsam. Ich sage Tschüs und "ziehe" mit 3 km/h Geschwindigkeitsüberschuss davon. Er bleibt noch minutenlang in meinem Rückspiegel.

Inzwischen habe ich auch die letzte Straße hoch zum Gipfel erreicht, nachdem ich eine etwa 15 km lange Umleitung um den Berg herum nehmen musste. Ach schön - diese Umleitung hat nochmals drei richtig spaßige Rampen für mich bereit gehalten. Auch der Regen ist nun stärker geworden, ich bin nass bis auf die Haut und kalt ist es hier oben auch.

Zur allgemeinen Motivation tragen Ollis SMS á la "Sind jetzt im Bus" auch nicht gerade bei - andererseits gefalle ich mir bei der Vorstellung, wie die beiden jetzt ganz bestimmt in bequemen Frottier-Sitzen des Neoplan-Busses die Steigungen hinauffahren, es warm und weich haben und unvorstellbare Gewissensbisse an ihnen nagen, dass ich, ich armer Hund, bei dem Sauwetter da draußen diese titanische Anstrengung ohne Motorhilfe leisten muss. (Aber wenig später denke ich, dass die mich vielleicht auch einfach nur für ein bisschen bekloppt halten.)

Dann wird auch noch der Berg frech. Vor mir türmt sich eine Auffahrt auf, die ich so in dieser Form weder in den Rockies noch - was die Länge angeht - bei den Willensbrechern in Portugal gesehen habe: Streckenweise mögen das satte 15 % Steigung gewesen sein, in den Spitzkehren der serpentinen-artigen Straße gern auch mehr.

Mein Atem ist weißer Nebel - mein Körper dampft. Ich sehe aus wie ein heißer Kloß, der gerade aus dem siedenden Wasser genommen wurde.

Vor mir fahren 5 Mountainbiker mittleren Alters. Ich schließe zu ihnen auf und hefte mich an sie. Zusammen leidet es sich besser. Der Hintereste bemerkt sich, wir grüßen uns und beginnen ein - teilweise atemloses - Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der Herr fast die selbe Strecke durch Kanada gefahren ist wie ich. Nur mit Auto.

Während wir so schnacken, uns links Motorräder dröhnend überholen und alle 2 Minuten ein Rennradler vorsichtig seine schmalen Slicks berab versucht sturzfrei zu steuern, fallen 2 der 5 Biker zurück. Vor der letzten Kehre bedeuten die beiden vorderen Biker ihrem Freund, dass sie nun die Straße verlassen und auf einem Waldweg, zu dem es hier abgeht, weiterfahren möchten. Er winkt ab und erklärt: "Die fahren die Männerstrecke - 17 bis 19 Prozent Steigung, Schotterweg."


Größere Kartenansicht

Kein Bedarf, denke ich, stoße wie ein Walroß weißen Atemdampf aus (und rieche dabei bestimmt noch wie eins), kurbele um die letzte Rechtskurve und sehe einige dutzend Meter über mir das Gipfelplateau. Weiße Nebelschwaden werden von einem eisigen Wind über die Fläche getrieben. Der Gipfelturm ist nurmehr als undeutliches Schema zu erkennen - hier mögen es gut und gerne unter 8 Grad sein.

Ich friere - aber der Sieg steigt in mir hoch, als Olli von links "LARS!" brüllt und ich kurz die Hand vom Lenker nehme, um zu winken, ohne dabei umzufallen, denn die letzte Steigung hat es noch einmal in sich und so muss ich heftig gegensteuern, um nicht bei 5 km/h umzukippen.

Der MTBler ist schon im undurchdringlichen Weiß des Höhennebels verschwunden, ich geselle mich zu den Berlinern in eine windgeschützte Ecke, hole sofort die Jacke aus meinem Gepäck (das ich die ganze Zeit mit auf den Berg geschleppt habe) und lasse mich bei einem Becher heiß dampfenden Kakaos von den beiden als Bergfloh des Tages feiern. So komme ich nun also doch noch zu meinem olympischen Gefühl.

Immer mehr Motorradfahrer sammeln sich auf dem Gipfel - der Regen, die spiegelglatte Fahrbahn und das miese, kalte Wetter kann auch diese Jungs wohl nicht abschrecken. Auffällig viele Rennradler haben auch den Weg hierher gefunden - uns so freue ich mich trotz des warnenden Schildes auf die Abfahrt.

Denn die, die habe ich mir verdient: 28,9 km bergauf in 1:41 h und mit einem beachtlichen 17er Schnitt. Ich denke, das ist okay, für ein bergauf ach-so-langsames Liegerad, beladen mit 6 Kilo Gepäck.
Nachdem wir starklar sind, verabreden wir uns unten, denn ich vermute, dass Klaus es nicht ganz so rasant angehen wird, wie ich. Dann trete ich rein, Klaus verschwindet relativ schnell aus dem Rückspiegel, von Olli sehe ich noch das Frontlicht.

So schieße ich bergab - schnell, aber nicht rekordverdächtig. An diesem Tag wird es nur für 67 km/h reichen. Aber angesichts der Tatsache, dass die Straße nass ist und ich in einer Kurve sogar zwei Motorradfahrer überholen kann (!) finde ich das dann doch recht beachtlich.

Unten angekommen errechnen wir, noch 3 Stunden Zeit bis zur Zugabfahrt zu haben und beschließen, auf Schleich-Radwegen, nicht auf der Straße, nach Frankfurt zu fahren.

Allenthalben kommen unserer stattlichen Staffel Liegerädern Rennradler entgegen.

Sie grüßen.

Freiwillig.

Hä? Whoa? "Hast Du das gesehen?", frage ich Olli ungläubig. In Hamburg bin ich das nicht gewöhnt, dass die stolzen Carbon-Jungs grüßen. Ein Nicken, versteckt, ganz schüchtern - ja, das gibts schonmal ab und zu - aber nur, wenn man selbst vorher gegrüßt hat. Hier, im Taunus, scheint es eine andere Einstellung der Rennradler zu Liegerad-Piloten zu geben. Ein Pluspunkt mehr, der mir die hiesigen Hessen umso sympathischer macht.


Wir gleiten - mittlerweile mit weniger bis keinem Regen bei wesentlich angenehmeren Temperaturen - durch Felder auf asphaltierten Radwegen. Hinter uns liegt im Nebel verhangen, dunkel drohend der düstere Feldberg. Er hat seinen Schrecken verloren.

Ich grinse ihn an: Mir machst du keine Angst mehr, Hügel. Dich habe ich bezwungen!

Gemächlich, selten schneller als 25 km/h, schlendern wir fast schon durch die seichten Hügel. Biegen mal hier mal dort ab und erfreuen uns am satten Gelb der Felder, dem Piepen der Vögel und der Sonne, die ab und zu dann doch mal durch die Wolken lugt.

Halt - wenn ich es mir recht überlege, bin es eigentlich nur ich, der sich an diesen Dingen erfreut. An dieser tollen Natur, der Aussicht und dem Geruch von feuchten Feldern. Denn ich merke, dass meine beiden Freunde gar kein Auge für diese Dinge zu haben scheinen: Sie fummeln sich die ganze Zeit zwischen ihren Beinen herum.

Tekkies, GPSler, Tüftler. Dauernd rufen sie sich Dinge zu wie: "Hier müsste es eigentlich wieder auf den Track gehen." oder "Was sagt denn Dein OSM hierzu?". Und nicht selten halten sie an, um dann schweigend nebeneinander zu parken - und drücken dabei auf ihren Navis herum.
Ich kann dazu freilich nichts beitragen - ich habe kein OSM. Weiß noch nicht einmal, was das ist.

Versteht mich nicht falsch, ich bin für Technik. Ich finde Navi super. Aber irgendwie wird es dann auch komisch, wenn 20 km vor uns aus der flachen Ebene die Superstadt Frankfurt mit ihren unübersehbaren Wolkenkratzern empor ragt - und die Jungs alle paar Kilometer ihre Fummelpausen brauchen, um den Track zu eben jenen riesigen Wolkenkratzern zu finden.

Sicher, sie finden auch immer ganz nette Radwege - aber mit der Strategie "Ich fahre einfach mal per Auge auf dieses 200 Meter hohe Haus zu - den Hauptbahnhof finde ich dann schon", wie ich sie angewandt hätte, wären wir sicher auch zum Ziel gekommen. Man ist ja nicht im Dschungel.

Aber es sei ihnen gegönnt - Live-Tracking, GPS und all der Spaß hat ja auch was. Denke ich mir, sonst würden sie die Geräte nicht mitschleppen.

Eine letzte Pause auf offener Flur eingelegt, noch einmal gepinkelt und den letzten Rest aus den Flaschen getrunken, so erreichen wir Frankfurt.

Nicht geschafft, nicht außer Atem, ohne Schmerzen in den Beinen: Eine ganz neue Erfahrung für mich. Aber dafür mit einer Menge Hunger im Bauch.

Den stillen wir in einem kleinen Bio-Restaurant, ich gönne mir handgebauten Mango-Strudel an Walnuss-Eis. Ein Geschmack, von dem ich auf der 7-stündigen Rückfahrt noch zehren werde, ehe ich gegen 23 Uhr endlich zu Hause ankomme, die Speedmachine parke, dusche, mich ins Bett plumpsen lasse und mir gewahr wird, dass in sieben Stunden mein lieber Wecker eine neue Arbeitswoche einläuten wird.

Und wisst Ihr was? Mich stört das nicht, denn obwohl ich fertig bin, geschafft, von insgesamt 16 Stunden Zugfahrt in den letzten 3 Tagen, ich kein bisschen ausschlafen konnte und 175 Kilometer gefahren bin, dabei den lokalen Ungeheuer-Berg im Taunus bezwungen und nur Stress hatte, fühle ich mich erholt.

So richtig schön erholt. Und dann nehme ich mir vor, mir noch mehr, noch mehr, noch mehr positiven Stress zu verschaffen. Schlafen kann ich auch im Altenheim noch genug.

Ein tolles Wochenende - endlich Mama & Papa Speedmachine kennen gelernt und eine schicke, kleine Tour gehabt. Großartig, dacht´s und dämmert weg.


NEU: Am 1. August geht er online, der neue Touren-Blog. Mit dem Liegerad 1.300 km auf dem Trans-Canada-Highway. Stay tuned.

Kommentare:

Klaus hat gesagt…

Jo, genau so war's! :-)

Aber ein paar Lanzen möchte ich noch brechen. Zuerst einmal für die Bahn [sic!] ;-)

Denn der Zug, mit dem Du von Hamburg nach Frankfurt gefahren bist, war - das entnehme ich Deiner Schilderung - vermutlich der Intercity 2021. Das ist kein "DB Nachtzug", sondern ein Intercity mit Sitzwagen, der allerdings nicht am Tag, sondern in der Nacht fährt. Die Alternative mit dem von Dir geforderten Nachtzugkomfort wäre der CityNightLine 473 gewesen, ebenfalls mit Fahrradbeförderung und in ähnlicher Zeitlage.

Die zweite Lanze geht an den aufmerksamen Busfahrer der RKH. Der hatte uns nämlich zu einer Mitfahrt unserer Liegeräder in seinen Bahnbus Linie 57 (übrigens ein Citaro, kein Neoplan - der Rad-/Kinderwagenplatz war aber trotzdem zu klein) eingeladen, so dass es auch uns Luschen möglich war, den Großen Feldberg zu bezwingen. Mit dem eigentlich anvisierten Fahrradanhänger-Bus der Hessischen Landesbahn ("Weiltalbus") wären wir ja nur bis auf den Sandplacken gelangt. Und wer weiß, ob wir uns angesichts des Wetters von dort noch zu den fehlenden 200 Höhenmetern hätten durchringen können? ;-)

Keine Lanze dagegen geht an die Firma Garmin, die mir während der Tour viel Kummer bereitet hat. Denn ihr GPS60CSX mit nagelneuer Firmware v3.90 und nagelneuer TOPO v3 (mit Radrouten!) stürzte unterwegs ständig ab und schaltete sich einfach aus. Darum das viele Herumnesteln unterwegs. Eigentlich sollte es besser funktionieren. Aber Du hast schon Recht: So ein GPS am Rad lenkt den Blick immer wieder weg von der Landschaft auf das Gerät - eigentlich paradox, denn das Gerät soll einen doch gerade in schöne Landschaften führen. Was es ja, solange wir auf dem Track fuhren, auch getan hat.

Womit wir bei der dritten und vierten Lanze wären:

Die dritte geht an das Land Hessen, für die Bereitstellung des vorbildlichen Services unter http://www.radroutenplaner.hessen.de/
Denn aus dieser Feder stammte der qualitätsgesicherte Track, den wir (anfangs) gefahren sind. Und dieser Radschleichweg binnendurch war doch toll - den hätte man nach der Methode "ich fahre mal los in Richtung auf das Ziel" niemals gefunden. Das Tool, welches es übrigens in gleicher Form auch für NRW gibt, kann ich nach dieser Erfahrung wärmstens jedem GPS-Radler empfehlen. Was gäbe ich darum, wenn es so ein Tool auch für Berlin/Brandenburg gäbe!

Ja, und die vierte Lanze geht an die Freaks vom Naviboard. Denn dort erfuhr ich, dass Garmin seine neue Firmware v3.90 in einer korrupten Datei auf seinen Downloadserver gestellt habe, dass aber ein Update via "Webupdater" die korrekte Datei liefern würde. Das klingt so schräg, dass man es nicht glauben mag, aber ich habe das gerade ausprobiert. Und tatsächlich: Nun funktioniert das Routing mit der Topo V3 so, wie ich es für unsere Tour erwartet hätte.

Eine letzte Lanze fehlt aber noch. Sie geht an Dich selbst: Ich konnte es nämlich kaum glauben, Dich auf Deinem gelben Rad bereits kurz nach Ankunft des RKH-Busses auf den Feldbergparkplatz rollen zu sehen - eine Wahnsinnsleistung! Irre! :-)

Viele Grüße aus Berlin!
Klaus

... constantly in transit. hat gesagt…

hi klaus,

na, das ist ja eine ganze kohorte lanzen, die du hier brichst ... :-)

mir hats richtig spaß gemacht! vielleicht fassen wir wirklich mal demnächst die zugspitze ins auge?
das wäre doch groß, oder?

beste grüße,
L

Anonym hat gesagt…

Hi Lars,

danke für deinen Bericht! Ich bin schon ziemlich neidisch, dass ich es nicht nach Kriftel geschafft habe. Aber wenns so läuft wie vorgestellt, dann bin ich nächstes Jahr um die Zeit auch Speedmachinist. Dann wird alles anders;-)

VG aus Halle

Lars

... constantly in transit. hat gesagt…

hi lars,

danke fürs lob. hört man gern.
ja, nächstes jahr kannste auch gas geben und dir die welt liegend erobern :-)

liebe grüße, LR

Anonym hat gesagt…

Hi Lars,

hier meldet sich das Pärchen, dass sich als begeisterte Speedmachine Adventures Leser geoutet hat. Leider mussten wir früher fahren und haben Deinen Vortrag über Kanada nicht mehr mitbekommen.

Wir haben uns sehr gefreut, Dich mal live und in Farbe zu erleben und fanden es klasse einen Speedmachinisten zu treffen, der hält was er verspricht. ;-)

Übrings der BionX taugt auch schon nicht mehr zu toasten (total Ausfall)!! Die Speedmachinistin ist wieder "pur" unterwegs!

Wir hoffen, dass Du und Deine gelbe Rennsemmel noch viele spannende und lustige Adventures erleben werdet und wir noch viel von Dir hören.

Schöne Grüße aus dem sonnigen Leverkusen

Uwe und Patricia

... constantly in transit. hat gesagt…

liebe pat, hi uwe,

danke, danke, danke fürs lob. mensch, da kommt man sich ja wie ein star vor. :-)

ich fand es auch super - leider ist es so ein bissel wie beim geburtstag: man kommt gar nicht dazu, so richtig zu feiern, weil man nur am herumlaufen ist.

aber vielleicht ergibt sich ja mal wieder die gelegenheit zu einem treffen.

ansonsten - ladet eure speedys in den IC und kommt hoch nach hamburg, dann machen wir ne schöne gemütlich tour am deich zu den heidschnucken ... und bringt mir am besten eine liegerad-bewaffnete blondine (23 bis 28 jahre) mit.

:-D

liebste grüße,
LR

Olli hat gesagt…

Es gibt nicht viel zu sagen ... außer vielleicht: ein klasse Wochenende mit viel Spaß und tollen Liegeradlern!

... constantly in transit. hat gesagt…

EBEN! :-)

liebe grüße,LR